101 Jahre – W.D. Knees
Heute wäre mein Vater 101 geworden
Zum Geburtstag meines Vaters
12. September 1925 – Erinnerungen an ein Leben zwischen Krieg, Aufbruch, Amerika und Journalismus
Von Jürgen Knees · 12. September 2026

Jounalist: Vater mit Kollegin aus seiner Zeit als Journalist.
Heute wäre mein Vater 101 Jahre alt geworden.
101 ist kein klassischer runder Geburtstag. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – habe ich in den vergangenen Tagen seine alten Aufzeichnungen wieder zur Hand genommen.
Seiten voller Daten, Namen und Lebensstationen. Doch zwischen all diesen Fakten finden sich kleine Erinnerungen und Sätze, durch die plötzlich wieder ein Mensch sichtbar wird.
Ich kannte ihn als meinen Vater. Beim Lesen seiner Chronik begegne ich ihm noch einmal anders: als Jungen und Sportler, als jungen Soldaten, als Schüler im zerstörten Nachkriegsdeutschland, als angehenden Journalisten, als Studenten in Amerika, als Ehemann und schließlich als Vater von fünf Kindern.
Und dabei entdecke ich Verbindungen zu meinem eigenen Leben, über die ich früher kaum nachgedacht habe.
Eine Jugend, die der Krieg unterbrach
1943 wurde mein Vater zur Luftwaffe eingezogen. Er war gerade einmal 17 Jahre alt.
Zwei Jahre Kriegseinsatz folgten. Nach Kriegsende musste aus einem Soldaten wieder ein Schüler werden.
Er besuchte zunächst eine Schule für entlassene Soldaten in Büsum. Junge Männer, die gerade noch Uniform getragen hatten, saßen wieder auf der Schulbank.
Seine Erinnerungen daran sind erstaunlich konkret. Es gab Steckrübensuppe mit vereinzelten Nudeln und andere Notspeisen. Wenn nachmittags die Fischkutter zurückkamen, konnten die Schüler direkt am Schiff frische Krabben kaufen.
Die britische Besatzungsmacht überprüfte die Schule schließlich. Viele Schüler und Lehrer hatten zuvor Offiziersränge oder waren Offiziersanwärter gewesen. Die Schule wurde geschlossen, ihre Schüler wurden auf andere Einrichtungen verteilt.
Über Tarp und Plön gelangte mein Vater schließlich nach Lübeck.
Am 10. Oktober 1946 bestand er sein Abitur.
Er war 21 Jahre alt.

Hochsprung 1946: Ein Stück zurückgewonnene Normalität: 1946 wurde mein Vater in Grömitz mit übersprungenen 1,75 Metern Kreismeister im Hochsprung.
Gerade dieses Foto gefällt mir.
Im selben Jahr, in dem er nach Krieg und Gefangenschaft beziehungsweise Entlassung wieder um seine schulische Zukunft kämpfen musste, betrieb er Sport und wurde Kreismeister.
Das Leben begann wieder.
Der Weg zum Journalismus
Noch 1946 begann mein Vater seine Ausbildung an der Ersten Deutschen Journalistenschule in Aachen. 1948 schloss er sie mit dem Prädikat „Gut“ ab.
Es folgten ein Studium in Marburg, ein Jahr als Bereiter im elterlichen Reitbetrieb in Oldenburg in Holstein und schließlich der Einstieg in den Journalismus.
1951 arbeitete er als Reporter auf Fehmarn.
Dort lernte er im Sommer 1952 eine junge Frau kennen.
Irm.
Meine Mutter.
Doch bevor aus den beiden ein Ehepaar wurde, führte sein Weg zunächst über den Atlantik.
Amerika – eine andere Welt
Im September 1952 ging mein Vater in die Vereinigten Staaten.
Er studierte an der University of Missouri in Columbia. Im Sommer 1953 erhielt er ein weiteres Stipendium und ging nach Kalifornien. Am Brooks Institute of Photography in Santa Barbara beschäftigte er sich intensiv mit Fotografie.

USA/Alabama um 1952/53: Anfang der 1950er-Jahre führte sein Weg in die USA – zunächst nach Missouri und anschließend nach Kalifornien. (Links: Günter Müggenburg rechts: Vater)
Wenn ich die Jahreszahlen heute nebeneinanderstelle, wird mir erst richtig bewusst, welchen Wandel diese Generation innerhalb kürzester Zeit erlebt hat:
1945 – Krieg.
1946 – Abitur im Nachkriegsdeutschland.
1952 – Universität in Amerika.
1953 – Kalifornien.
Innerhalb weniger Jahre hatte sich seine Welt vollständig verändert.
Vater und Sohn – zweimal Amerika
Dieser Teil seiner Geschichte beschäftigt mich heute besonders.
Denn rund zwanzig Jahre später führte auch mein eigener Weg in die Vereinigten Staaten. 1972 verbrachte ich ein Austauschjahr in den USA. Anschließend besuchte ich drei Jahre die Bonn American High School bis zum Diploma.
Mein Vater ging 1952 nach Amerika.
Sein Sohn zwanzig Jahre später.
Ob und wie sehr seine eigenen Erfahrungen meine spätere amerikanische Schulprägung beeinflusst haben, kann ich heute nicht mehr eindeutig beantworten.
Aber ich frage mich inzwischen, ob es wirklich nur Zufall war.
Manche Zusammenhänge im eigenen Leben erkennt man offenbar erst sehr viel später.
„Die Frau meines Lebens“
1954 kam mein Vater nach Bonn.
Über das, was dann geschah, schrieb er in seiner Chronik einen Satz, den ich nicht glätten oder modernisieren möchte:

Irmtraut: liebevoll „Irm“ Kennengelernt hatten sie sich 1952 auf Fehmarn. Am 21. April 1954 heirateten sie in Bonn.
Noch im selben Jahr wurde mein ältester Bruder Reiner geboren.
Am 1. Mai 1957 kamen die Zwillinge Dirk und Jürgen zur Welt – und damit auch ich.
Meine ersten Lebenswochen verliefen nicht ganz problemlos. Wegen eines Magenpförtnerkrampfes musste ich mehrere Wochen in der Kinderklinik an der Adenauerallee verbringen. Auch das hat mein Vater in seiner Chronik festgehalten.
1958 kam unser Bruder Willfrid hinzu.
Vier Jungen in wenigen Jahren – zunächst in einer Zweizimmerwohnung in der Zülpicher Straße 17.
Mein Vater beschreibt das ausgesprochen nüchtern: Mit vier Söhnen sei es dort „sehr eng geworden“.
1965 wurde schließlich unsere Schwester Tordis geboren – von ihm liebevoll „Püppilein“ genannt.

Familienfoto: Aus Irm und Dirk wurde eine siebenköpfige Familie: fünf Kinder und ein Alltag, der sicher nicht immer so ruhig war, wie Familienfotos vermuten lassen.
Die Geschichte meiner Mutter gehört dazu
Beim Lesen seiner Aufzeichnungen wird mir auch bewusst, dass sich das Leben meines Vaters nicht erzählen lässt, ohne das meiner Mutter mitzuerzählen.
Auch ihre Jugend war vom Krieg geprägt.
Während viele Männer Soldaten waren, hielt sie gemeinsam mit ihrer Mutter und einem älteren Chauffeur den Lebensmittelgroßhandel der Familie in Bonn am Laufen. Mit dem Fahrrad fuhr sie zu den Kunden, kümmerte sich um Bestellungen, Buchführung, Rechnungen und die Versorgung der Kundschaft.
Am 18. Oktober 1944 erlebte sie den verheerenden Bombenangriff auf Bonn.
Mein Vater hielt später ein Bild fest, das bei mir hängen bleibt: Im Keller glühte der Zucker noch tagelang. Von den Salzvorräten wurde die verkohlte äußere Schicht abgeschlagen, um wenigstens das darunterliegende Salz noch verwenden zu können.
Geschichte besteht eben nicht nur aus Jahreszahlen und den Namen großer Politiker.
Manchmal erzählen ein Keller voller glühendem Zucker und ein Sack verkohltes Salz mehr darüber, wie Menschen eine Zeit erlebt haben.
Schließlich der General-Anzeiger
Mein Vater durchlief in Bonn verschiedene berufliche Stationen.
Von 1954 bis 1956 arbeitete er als Presse- und Werbeleiter bei der deutschen Tochter der amerikanischen Norton Company in Wesseling. Es folgten Tätigkeiten beim Bonner Heinz-Möller-Verlag und erneut bei Norton.
1973 führte ihn sein beruflicher Weg schließlich zum General-Anzeiger in Bonn.
Dort arbeitete er als Redakteur und blieb der Zeitung bis zu seinem Ruhestand verbunden.

Vater als Journalist: Journalismus wurde zu seinem Beruf: beobachten, nachfragen, fotografieren und aufschreiben.
Heute erscheint mir weniger wichtig, welche genaue Berufsbezeichnung auf seiner Visitenkarte stand.
Etwas anderes interessiert mich mehr.
Er war Journalist.
Er beobachtete.
Er fragte.
Er fotografierte.
Und er schrieb auf.
Vielleicht fällt der Apfel doch nicht so weit vom Stamm
Und an dieser Stelle wird aus seiner Geschichte für mich plötzlich auch meine eigene.
Denn heute schreibe auch ich.
Nicht als Redakteur einer Tageszeitung. Die Möglichkeiten sind inzwischen völlig andere. Ich schreibe auf meinen eigenen Internetseiten über Immobilien, aber ebenso über Menschen, Orte und Geschichten.
Ich frage nach. Ich recherchiere. Ich fotografiere. Ich möchte Zusammenhänge verstehen. Und manchmal möchte ich einfach etwas festhalten, weil es sonst irgendwann vergessen sein könnte.
Früher hätte ich darin vermutlich keine besondere Verbindung zu meinem Vater gesehen.
Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Vater und Sohn: Zwei Generationen, unterschiedliche Wege – und vielleicht doch mehr Gemeinsamkeiten, als mir lange bewusst war.
Vielleicht habe ich etwas von ihm übernommen, ohne es zu bemerken.
Die Neugier auf Menschen.
Die Freude an Geschichten.
Das Nachfragen.
Und möglicherweise auch eine gewisse Hartnäckigkeit, wenn eine Antwort noch nicht wirklich eine Antwort ist.
Vielleicht fällt der Apfel tatsächlich nicht so weit vom Stamm.
12. September
Heute wäre mein Vater 101 Jahre alt geworden.
Das ist zunächst nur eine Zahl.
Aber seine alte Chronik hat dafür gesorgt, dass aus dieser Zahl für mich wieder ein Mensch geworden ist.
Ich sehe nicht nur meinen Vater.
Ich sehe den Jungen und Sportler. Den 17-Jährigen, dessen Jugend der Krieg unterbrach. Den jungen Mann, der sein Abitur nachholte. Den Reporter auf Fehmarn. Den Studenten in Missouri. Den jungen Deutschen in Kalifornien. Den Mann, der nach Bonn kam und die „Frau seines Lebens“ heiratete. Den Vater von fünf Kindern. Und den Journalisten.
Und beim Lesen entdecke ich Spuren von ihm in meinem eigenen Leben.
Vielleicht ist genau das eine Form des Weiterlebens.
Alles Gute zum Geburtstag, Papa.
Und danke für die Geschichten, die geblieben sind.
Hinweis: Historische Aufnahmen, mithilfe von KI behutsam restauriert.




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